A flicker of the soul is all that is needed
Das, was nicht gezeigt wird, ist in Horrorfilmen genau so wirkungsvoll wie das, was auf der Leinwand passiert. Durchs Vorenthalten von Information hält man die Spannung aufrecht, und die Fantasie des Publikums füllt die Lücken aus. Der Killer sieht von Weitem zu, kundschaftet seine Umgebung aus. Dann erst kommen er oder sie näher und näher, ohne wirklich preiszugeben, wer – oder was – genau sie eigentlich sind.
Rainer Kohlbergers A flicker of the soul is all that is needed hält kurz vor der Auflösung inne, er baut aus Szenen aus Horrorfilmen der 1980er Jahre Parallelmontagen, um eine Atmosphäre allgegenwärtiger Bedrohung zu beschwören. Die Bilder springen hin und her, langsame Schwenks über Häuser, Wälder, periphere Räume unterbrechen einander wiederholt. Ein ahnungsvoller Soundtrack, komponiert in Zusammenarbeit mit Jung An Tagen, baut sich allmählich zu einem treibenden pulsierenden Rhythmus auf, wie ein wild klopfendes Herz oder aufgeregtes Atemholen.
Die Bilder faden langsam aus, bevor auf eine andere Abfolge fokussiert wird: zitternde Großaufnahmen von Badezimmern, Fluren, ein Blutfleck, der nebenbei in hölzerne Dielen sickert. Das Spielgelbild einer halb zu sehenden Gestalt wird im Schnitt gegen das vielsagende Öffnen eines Duschvorhangs gestellt. Die Montage löst sich in flickernde Zeitlupenaufnahmen eines verzweifelt vor der Kamera fliehenden Opfers auf. Wenn die dramatische Auflösung endlich kommt, in Form eines klimaktischen, gewaltvollen Crescendos, folgt keine Katharsis. Stattdessen ergießt sich in schneller Abfolge und mit zunehmender Intensität eine Flut visueller Reize, überwältigend und unergründlich.
Beim Versenken in diese Verzerrungen, Gegenüberstellungen, Flicker und Blitze entsteht ein ungewöhnlicher psychischer Effekt: Festgesetzt an der Schwelle zur Unterscheidbarkeit beginnen Zuschauer:innen Fragmente vager Formen wahrzunehmen – und unerklärbare Phänomene, fotogene Halluzinationen und Reste von Nachbildern. Fast können sie das Unerklärliche verstehen. Dann, noch bevor sie es zu fassen kriegen, wechselt die Szene abrupt, und sie stehen da und greifen nach Schatten. (Chris Clarke)
A flicker of the soul is all that is needed
2027
Österreich
77 min