Unquiet Ground
"In ihrer Verzerrung birgt die Erinnerung eine tiefe Wahrheit über die Welt, in der wir leben" – mit diesem Satz aus ihrem Feldforschungstagebuch eröffnet Martha-Cecilia Dietrich in Unquiet Ground einen Blick auf Peru, wo die Suche nach Wahrheit und Wiedergutmachung über 25 Jahre nach dem bewaffneten Konflikt noch immer schmerzhaft fortdauert.
Die Stimme der Filmemacherin führt durch den experimentellen ethnografischen Film. «Let me take you to a place that is dear to me», beginnt sie und nimmt die Zuschauenden mit nach Ayacucho im peruanischen Hochland, einst heimgesucht von der Terrororganisation "Leuchtender Pfad" und staatlichen Streitkräften. Unquiet Ground ist durchgehend mit einer 360-Grad-Kamera gefilmt, wird aber flach auf die Leinwand gebracht. Der Blick krümmt sich. Linien biegen sich. Landschaften und Räume schieben sich ineinander. Die Verzerrung wird zum Bild der Erinnerung selbst.
Dietrich trägt das Stativ der 360-Grad-Kamera selbst und ist meist im Bild zu sehen – Vor und Hinter der Kamera verschwimmen. Seit über einer Dekade begleitet sie Menschen, vorwiegend Frauen, bei deren Suche nach den sterblichen Überresten ihrer Angehörigen. Ihre Voice-over-Erzählung verbindet sich mit beobachtenden Szenen, Archivmaterial, darunter auch Aufnahmen aus ihrem persönlichen Videoarchiv, und ist zugleich die Geschichte der Vertreibung ihrer eigenen Familie.
Als bei Bauarbeiten menschliche Knochen und Kleidungsstücke gefunden werden, dokumentiert der Film die Identifikation und Bestattung der Vermissten. Doch letztlich verweigert sich Unquiet Ground einer eindeutigen Rekonstruktion: Die 360-Grad-Kamera erzeugt durch ihre Verzerrung eine panoptische und zugleich traumähnliche Bildsprache von grosser Eindringlichkeit, die nicht vorgibt, dass die Zeit Wunden heilt. (Michaela Schäuble)
Tierra Inquieta
2027
Niederlande, Peru, Österreich
30 min
Dokumentarfilm, Experimental
Englisch, Quechua, Spanisch
Englisch